DER TAGESSPIEGEL 31.10.2010
Dass Priester missbrauchen, wird systematisch vertuscht – bis hoch zum Papst. Patrick Wall würde seine Tochter niemals auf eine katholische Schule schicken. Ein Interview mit dem ehemaligen Benediktinermönch.
Mister Wall, Sie haben als „Fixer“ für die katholische Kirche gearbeitet, als eine Art Problemlöser. Erinnern Sie sich noch daran, wie es anfing?
Oh ja, es war im August 1991, nach dem Morgengebet. Ich war Benediktinermönch in einem Kloster und gerade dabei, mir in meiner Zelle die Zähne zu putzen, als der Abt klopfte.
Was wollte er von Ihnen?
Es hatte in einer nahe gelegenen Gemeinde einen Missbrauchsfall gegeben, und der Priester dort sollte abgelöst werden – von mir. Ich packte meine Sachen und sechs Stunden später ging es los.
Ihre Aufgabe war es … …
für Ruhe zu sorgen und den Skandal zu ersticken, bevor er entstehen konnte. Das Tragische ist, dass die Kirche den jeweiligen Priester nicht abzog, sobald seine Verfehlung bekannt wurde – sondern erst, wenn ein Ersatz gefunden war. Dann hielt der alte Priester am Sonntag die letzte Messe, verschwand klammheimlich am Dienstag, und am Donnerstag stand ich auf der Matte.
Die Gründe für Ihre Einsätze waren stets dieselben?
Fast immer hatte ein Priester Kinder oder Jugendliche sexuell missbraucht. Einmal ging es um einen Abt, der ein Verhältnis mit einer Nonne hatte.
Gemeinden, Eltern – die alle haben das akzeptiert?
Ich habe kein einziges Mal erlebt, dass Eltern wütend auf mich oder die Kirche gewesen waren, weil jemand, der Kinder missbraucht hatte, in ihre Gemeinde versetzt worden war.
Was passierte mit den Priestern, die Sie ersetzten?
Sie wurden zwar oft aus der betroffenen Gemeinde abgezogen, aber nie exkommuniziert oder der Justiz übergeben. Dazu wussten sie in der Regel zu viel über all die Verfehlungen der anderen Geistlichen. Die Bischöfe hatten Angst, dass bei einem Gerichtsprozess all die klerikalen Schandtaten ans Licht kämen. Deshalb wurden die Missbrauchstäter meist kurz in eine kirchliche Therapieeinrichtung gesteckt, bevor man sie wieder in eine andere Gemeinde entsandte. Das ist ja überall auf der Welt so passiert, auch in Deutschland.
So wie im Fall „Peter H.“?
Ja. 1980 wurde er von Essen nach München versetzt, da er Kinder sexuell missbraucht hatte. Der Erzbischof von München und Freising war damals Joseph Ratzinger, der heutige Papst Benedikt. Er bewilligte die Versetzung, und ich bin mir sicher, dass er auch darüber im Bilde war, dass H. bald darauf wieder in der Gemeindearbeit eingesetzt wurde.
Ein deutliches „Wort zum Sonntag“ – danke!
Zit.:
Tradition des Verschleierns … Die Kirche ist deshalb auf ihr Image bedacht – und verschweigt lieber Unrecht, als einen öffentlichen Skandal zu riskieren. So ist es etwa Bestandteil des Kirchenrechts, dass alle Beteiligten, die in einen Fall von sexuellem Missbrauch eingeweiht werden, eine Verschwiegenheitserklärung unterzeichnen müssen. Diese sieht vor, dass sie exkommuniziert werden, wenn sie jemandem davon erzählen. Das wird mit dem Beichtgeheimnis begründet, führt aber dazu, dass pädophile Priester weitermachen können. – Zit.-Ende
… ahnten wir es nicht? 4.Jh.!! – mir wird nicht mal mehr übel …
Die (katholische) Kirche muss weit mehr als „ihre Haltung zum Sex“ ändern!!!!
Ergänzend zu obigem – sehr informativen – Interview sei auf den Artikel „Sünden vergeben leicht gemacht“ von Klaus-Michael Kodalle in der ZEIT vom 28.10.10 (www.zeit.de/2010/44/Ablass) hingewiesen. Darin wird deutlich, wie leicht es sich die Kirche und die in der Kirche beheimateten Sexualstraftäter bis heute machen können mit dem Thema Schuld und Verantwortung.
Kleiner Auszug:
„In einem kaum vorstellbaren Ausmaß werden Gelegenheiten und Orte angepriesen, wo der Ablass erlangt werden kann. Eine päpstliche Behörde, die Apostolische Pönitenziarie, der ein Kardinal als Großpönitenziar vorsteht, verkündet per Dekret die Entlastungszusagen aus dem »Gnadenschatz« der Kirche. Sie nennt Tage, an denen ein Ablass erworben werden kann, mit genauer Angabe der Bedingungen, die vom »Bußfertigen« erfüllt werden müssen. Zuletzt wurde ein Priesterjahr ausgerufen, das vom 19. Juni 2009 bis 19. Juni 2010 befristet war und sowohl Priestern als auch Laien den Erwerb eines vollkommenen Ablasses »wohlwollend gewährte«. Zusätzlich wurden die Gläubigen animiert, »Teilablasse« zu erwerben und sie Verstorbenen zugute kommen zu lassen. Auch bei Ereignissen wie den Weltjugendtreffen, zum Beispiel in Köln 2005, konnten Gläubige durch ihre Teilnahme an bestimmten Gottesdiensten (inklusive Beichte und Kommunion) aufgrund des römischen Dekrets einen vollkommenen Ablass erwerben.“
So gesehen lässt sich nachvollziehen, warum die katholische Kirche, bzw. die in ihr beheimateten Sexualstraftäter, die ganze Aufregung um den sexuellen Missbrauch an Kindern nicht ganz nachvollziehen können/wollen, bzw. sich mit etwas Beten und Bitten um Vergebung glauben ihrer Verfehlungen entledigen zu können. Und dann „fertig damit haben“.