2,5 Millionen sind zusammen, es ist vollbracht, die Odenwaldschule muss (oder braucht) nicht schliessen.
Wer sind die Retter? Warum ist ihnen das wichtig?

Ein Gastbeitrag von Uli Hake

Diese und andere Fragen werden nicht gestellt, ja man schämt sich fast, sie zu stellen, erscheint die Rettung doch zumindest sympathisch, fast schon heroisch. Diese Fragen nicht zu stellen, ist ein Fehler, der gerade im Zusammenhang der Odenwaldschule zu häufig begangen wurde. “Schliessung wäre äusserst täterfreundliche Lösung” oder das nun überall verbreitete Versprechen, “wenn die Odenwaldschule jetzt gerettet wird, dann wird aufgeklärt, ja anders geht’s doch gar nicht, ohne Odenwaldschule gibt’s keine Aufklärung”, das ist plakative Nullaussage und erpressendes Versprechen, bezeichnenderweise wird dies von einschlägig Interessierten in Leserbriefen in der Zeit und der F.A.Z. unter “vom Glauben zum Wissen” angeboten oder unter „die Odenwaldschule wird eine der besten Internatsschulen werden”.

Odenwaldschule spielt auf Zeit

Bevor wir in die Fragen einsteigen, muss darauf hingewiesen werden, dass die Odenwaldschule auf Zeit spielt. Hiess es vergangene Woche noch, dass Freitag die bereits geschlossene Schule endgültig geschlossen wird, wenn die fehlenden Gelder nicht nachweislich durch feste, verbindliche Zusagen gesichert sind, wird nun verkündet, dass der Rest glaubhaft zusammen sei, obwohl sich am Sachstand im Verlauf der Woche kaum etwas geändert hat. Es fehlen feste Zusagen für rund 300.000 bis 600.000 Euro, mehr oder weniger wie zum Beginn der letzten Woche. Klare Zahlen fehlen, entscheidender ist jedoch, wer Kredite und Spenden gewährt.

Wer sind die Retter?

Steigen wir in die Fragen ein: Wer hat Kreditzusagen und Spenden geleistet? Sicherlich die Hälfte stammt von Nostalgikern: Altschülern, Altlehrern und Lehrern, Reformpädagogen und deren Umfeld. Diese Spenden und Kredite sind äusserst problematisch. Die Unfähigkeit der Schule in den vergangenen Jahrzehnten angemessen auf das Desaster zu reagieren, begründet sich in dieser Gruppe der Nostalgiker. Werden Schule und vor allem Namen über die Zeit gerettet, dann wird für diese Menschen der Sozialisationsschaden in den eigenen Biographien gekittet, den diese Menschen als ungerecht empfinden und für den sie schon immer, heute rhetorisch geschickter, die “unverschämten und undankbaren” Opfer des Missbrauchssystems Odenwaldschule verantwortlich machen. Das Interesse dieser Gruppe ist nachvollziehbar, wer verzichtet schon gerne auf das stiftende Fundament einer Vorzeigebiographie, aber es ist kein gesundes Interesse, gelinde gesagt. Durch die Hintertür wird diesen Menschen erneut ein zu grosser Einfluss auf Schulentwicklung und Vergangenheitsbewältigung (oder eben Nichtbewältigung) gewährt. Die dieses Jahr breit publizierte Organisationsreform, die den von Ehemaligen und Nostalgikern dominierten Trägerverein als Schulträger ablösen soll, diese Reform wird hierdurch ad absurdum geführt, gleichwohl wird sie weiterhin öffentlich als entscheidender Baustein für die Erteilung einer Betriebsgenehmigung gepriesen. Als Geldgeber werden diese Menschen wieder zu einer bestimmenden Grösse an der Schule und ihre Argumentation wird und ist schon, wie in jüngsten Kommentaren zu lesen, doppelt perfide: ihr wollt uns nicht nur unsere Vergangenheit und Biographien zerstören, ihr wollt uns nicht nur unsere Vergangenheit und Biographien zerstören, ihr wollt uns jetzt auch unsere neue Odenwaldschule kaputtmachen, die doch so ganz anders ist und wird und für die wir doch alles gerade wegen dieser furchtbaren Vergangenheit tun, die gar nicht so furchtbar war. Richtig verschwiegen wird dabei nicht, dass die Schule nicht so ganz anders sein darf, sie muss nach Odenwaldschule schmecken und riechen, sonst machte das Spenden und Garantieren für diese Menschen überhaupt keinen Sinn. Diese Menschen müssen die Odenwaldschule als ihre Odenwaldschule empfinden, auch und gerade als historisches Kontinuum. Vom “es-war-nicht-alles-schlecht” ist diese Gruppe inzwischen wieder beim “es-war-fast-alles-gut” angelangt: Wo gibt’s und gab’s das schon, parallele CTA-Ausbildung und Schreinergeselle zum Abitur?

Behörden, die irgendwie nicht so richtig hinschauen

Eine zweite Gruppe von Spendern und Kreditgebern ist ebenfalls problematisch: die aktuelle Elternschaft und deren Umfeld. Deren Motivation ist nachvollziehbar, jedoch ebenso egoistischer Natur wie die Motivation der ersten Geldgebergruppe. Mit Abstand und ohne eigene Kinder auf der Schule würde ein Grossteil der Eltern sicherlich zustimmen, dass der Name Odenwaldschule mehr Belastung und Hypothek für die Zukunft der Kinder bedeutet, als Kindern zugemutet werden sollte. Dies wird sich auf Jahre, wahrscheinlich Jahrzehnte hinaus nicht ändern lassen. Das Synonym Odenwaldschule gleich sexuelle Gewalt ist im allgemeinen Sprachschatz Deutschlands aufgenommen. Dass die Schule den Kindern vor Ort und aus beschränkter Perspektive erhebliche Vorteile bietet, ist klar, warum sonst sollte eine Familie bis zu 3.000 Euro im Monat für die Unterbringung eines Sprösslings zahlen? Aber wiegt das den abzusehenden Schaden auf? Darauf haben wohl auch viele der heutigen Eltern nur emotionale Antworten. Dass “aktuelle” Eltern nun über weitergehende Investition als das doch schon erhebliche Schulgeld Einfluss auf das Geschick der Odenwaldschule erhalten, ist nicht vernünftig, ja für eine Schule unter staatlicher Schulaufsicht äusserst problematisch. Die Schule gerät hierdurch in ein noch grösseres ökonomisches Abhängigkeitsverhältnis. Die angestrebte Organisationsreform verkommt dadurch endgültig zur Makulatur. Wenn Aufsichtsbehörden jetzt Kreditzusagen von eben diesen Eltern anerkennen, werden auch diese in besonderer Weise erpressbar. Eltern werden die Aufsichtsbehörden für jede vermeintlich negative Einflussnahme der Aufsichtsbehörden auch ökonomisch haftbar machen wollen. Und nichts fürchten Behörden mehr. Zaghaftere, ja ins Interessenboot der Schule gelotste Behörden sind die Folge. Zaghaftere Aufsichtsbehörden das sind aber die Aufsichtsbehörden der schwarzen Jahrzehnte der Odenwaldschule. Behörden, die irgendwie nicht so richtig hinschauen wollten, ihrer Aufsichtspflicht nicht nachgekommen sind. Das sind auch Aufsichtsbehörden, die absehbar durch vermehrte Einweisung von Jugendamtszöglingen ihre Entscheidung positiv bekunden wollen oder müssen.

Versagen der Behörden

Beide genannten Gruppen haben sich – eigentlich fünf nach zwölf – in einer äusserst emotionalen Kampagne zur Rettung der Schule verbündet. Das lässt sich verstehen, konstruktiv und verantwortlich ist dies jedoch nicht. Das hiesse von den eigenen emotionalen und egoistischen Interessen mehr als ein Stück weit absehen zu können. Kritische und sachgerechte Aufsichtsbehörden müssen dies sehen und hätten bereits vor Jahren, im Jahre 2011, 2012 ein Moratorium verhängen müssen, nebst einer kommissarischen Aufsicht: Moratorium, um den Schulbetrieb für die damalige und heutige Schülergeneration als Auslauf- und Übergangsmodell über einen vernünftigen Zeitraum von drei bis vier Jahren zu sichern; kommissarische Aufsicht, um zu klären, ob, wie und unter welchen Bedingungen und von wem im Odenwald weiterhin eine Schule betrieben werden kann. Eine verantwortliche und halbwegs neutrale Schirmherrschaft hat es jedoch nicht gegeben, was als erneutes Versagen der Behörden gewertet werden muss.

Schwammige Grundlage

Eine der klarsten und unumgänglichsten Schlussfolgerungen seit 2010: Eine Schule unter dem Namen Odenwaldschule kann im Interesse zukünftiger Schülergenerationen keine Genehmigung bekommen. Da nützen auch 2,5 Millionen nichts. Und klar muss eigentlich auch sein, dass eine Schule dort nur nach einer ordentlichen Zäsur betrieben werden kann. Zäsur heisst dabei auch, dass Ehemalige, seien es Lehrer oder Schüler dort nichts verloren haben, zu gross sind Befangenheit, Verletzungen, biographische Schäden und Verwicklungen. Hierzu ist nicht einmal ansatzweise geforscht worden. Schon dies zeigt, auf welch schwammiger Grundlage hier gearbeitet wird. Dies betrifft übrigens auch die Betroffenen der Odenwaldschule selbst. Ihre Expertise ist für andere Schulen und Einrichtungen extrem wertvoll, sie sollten aber nicht direkt “Odenwaldschule” machen wollen.

Aufklärung hat nicht stattgefunden

Im Ober-Hambacher Tal kann eine private Schule betrieben werden: niemand kann dieses auch grundgesetzlich verbriefte Recht aushebeln. Richtig ist aber auch, dass der Betrieb einer privaten Schule an besondere Auflagen geknüpft ist, die im Falle einer Schule im Ober-Hambacher Tal, abseits von der ökonomischen Absicherung, besonders streng zu prüfen sind. Dies scheint fast in Vergessenheit zu geraten. Falls und wenn dort Schule gemacht wird, dann muss dies eine Neugründung sein, die eine zwei- bis dreijährige Schliessung des Schulbetriebs und eine anständige Vorbereitung voraussetzt. Vorbereitung heisst dabei auch, während dieser zwei bis drei Jahre, die Vergangenheit ohne die “nachvollziehbare” Erpressung der jetzigen Elternschaft und den fortwährenden Boykott durch Nostalgiker endlich aufarbeiten zu können, ausreichend finanziert auch durch den Vermögensbestand der jetzigen Schule. Letztlich steht diese offizielle Aufklärung immer noch am Anfang, sie hat eigentlich nie stattgefunden. Eine vor dem Abgrund, als Kontinuum gerettete Odenwaldschule macht diese Aufklärung unmöglich.

Abseits vom unwiderruflich bestehenden Interesse und Anspruch der Betroffenen auf eine angemessene und schonungslose Aufklärung, wäre es gerade für die pädagogische Zunft, wie auch die Aufsichtsbehörden selbst, mehr noch aber für künftige Schülergenerationen insgesamt wichtig, dass wir durch eine offizielle Untersuchungskommission erschliessen, wie es zu Fehlentwicklungen dieses Ausmasses über einen solch langen Zeitraum – über Jahrzehnte – kommen konnte und welche Rolle die Behörden selbst dabei gespielt haben. Das ist nicht einmal ansatzweise geleistet.