Stand: 23. Januar 2011

In der Öffentlichkeit werden sie hauptsächlich als „Sexmonster“, „pervers“, „irregeleitet“ oder „Pädophile“ wahrgenommen. Doch dies trifft nur auf eine sehr geringe Zahl der Täter zu. Der weitaus überwiegende Teil derer, die sexualisierte Gewalt an Kindern verüben, sind weder krank, noch „pädophil“ noch handeln sie aus irgendeinem sexuellen Notstand heraus. Die meisten sind ganz normale Durchschnittstypen, die von ihrer ganz normalen Möglichkeit der Machtausübung Gebrauch machen.

„Täter im sexuellen Missbrauch sind Menschen wie du und ich“, bringt es die Autorin Karin Jäckel (1) auf den Punkt. Sie entstammen allen sozialen und gesellschaftlichen Schichten; es gibt sie in allen Berufsgruppen und Einkommensstufen. Sie sind nicht häufiger im psychiatrischen Sinne krank als der Bevölkerungsdurchschnitt und wirken auch nicht bereits auf den ersten Blick zwingend als Täter. Jäckel schreibt, sie habe es immer wieder erlebt, dass „gerade gutaussehende, gebildete, körperlich gepflegte und in ihrem Benehmen tadellose Männer Täter waren.“

Der überwiegende Teil der Täter (85 – 95 Prozent) ist männlich. In der Regel ist es ein heterosexueller Mann, egal ob er Jungen oder Mädchen vergewaltigt. Geschätzte 5 – 15 Prozent derer, die sexualisierte Gewalt auf Kinder verüben, sind Frauen. Täter sind ledig oder verheiratet, leben in einer Beziehung oder nicht. Altersmäßig geht man davon aus, dass etwa ein Drittel der männlichen Täter Jugendliche sind, zwei Drittel Erwachsene.

In ihrem sozialen Umfeld sind die Täter oft bis zur Unauffälligkeit angepasst: „Polizeilich gut bis sehr gut beleumundet, als Nachbar beliebt und als Vereins- oder Gemeindemitglied anerkannt. Häufig zeichnet er sich durch eine stark ausgeprägte christliche Einstellung aus (…); nicht selten tritt er politisch hervor und bemüht sich um ein Mandat im Stadtrat“, so Jäckel (1). Als „unauffällige, psychisch nicht von der Norm abweichende Menschen“ beschreibt die Rechtsmedizinerin Elisabeth Trube-Becker (2) die Täter, die „von Außenstehenden oft als fleißige und treusorgende Familienväter“ beurteilt würden. Die Kriminalpsychologin Anna Salter (3): „Das Bild, das der Täter von sich vermittelt, entspricht in der Regel dem eines „ordentlichen Mannes“, jemand, von dem die Gemeinschaft annimmt, er habe einen guten Charakter und „würde so etwas nie tun“.“

Selten, so die übereinstimmende Meinung der Forscher/innen, sind Täter dumme Menschen. Die große Mehrheit ist laut Jäckel (1) durchschnittlich bis überdurchschnittlich intelligent und übt einen Beruf im mittleren bis oberen Bildungsbereich aus. Für Salter (3) ist Intelligenz die Voraussetzung für das „Leben eines Chamäleons“. „An erster und wichtigster Stelle steht die Etablierung eines Doppellebens. Viele Täter präsentieren sich kühl kalkulierend als die Art von Menschen, die „so etwas“ nie tun würde.“ Sexualstraftäter sind gerissene und geübte Lügner und Täuscher.

Alle Täter verfügen über die Möglichkeit des Machtgebrauchs (bzw. Machtmissbrauchs) innerhalb einer Abhängigkeitsbeziehung: in der Familie, in der Kirche, in der Schule, im Kindergarten, in der Behinderteneinrichtung, im Heim, im Verein, usw. In 40 – 50 Prozent aller Fälle, so Jäckel (1), seien die Täter mit ihren Opfern gut bekannt, aber nicht verwandt. Diese Täter sind Lehrer, Pfarrer, Erzieher, Jugendgruppenleiter, Trainer, Pädagogen, Vereinsmitglieder, usw. In weiteren 40 Prozent der Fälle handele es sich um direkte Angehörige des Opfers, also Väter, Mütter, Stiefväter, Großväter, Brüder, Cousins, Onkel, etc. Insgesamt muss gerade im familiären Bereich von einer sehr hohen Dunkelziffer ausgegangen werden. Das heißt: In nahezu 80 – 90 Prozent der Fälle kennt das Opfer den Täter sehr gut. Nur in etwa 10 Prozent der Fälle handelt es sich um den berühmten „fremden Mann“.

Pädosexuelle mit verdrehter Rechtsauffassung

Obwohl in der Öffentlichkeit gerne jeder Täter als „pädophil“ bezeichnet wird, macht in Wahrheit der Anteil der so genannten „Pädophilen“ (richtiger: Pädosexuellen) an den Sexualstraftätern gegen Kinder nur etwa 2 bis 20 Prozent aus. Bei diesen Tätern besteht eindeutig ein sexuelles Motiv. Sie selbst bezeichnen dies als „Liebe“ und behaupten, „partnerschaftliche Beziehungen“ zu den Kindern zu haben. Pädosexuelle verdrehen ihr sexuelles Bedürfnis nach Kindern in ein „Recht jedes Kindes auf Sex mit Erwachsenen“ und kämpfen offen oder versteckt für die Aufhebung aller Strafbestimmungen, die dem Schutz von Kindern vor sexualisierter Ausbeutung dienen. „Pädosexuelle“, so Heiliger/Engelfried (4), „bauen eine Rechtfertigung für ihre Handlungen auf, die sie selbst als Opfer gesellschaftlicher Repressionen darstellt, die Sexualität mit Kindern völlig ungerechtfertigterweise verbiete und kriminalisiere.“ Diese Täter haben auch keinerlei Hemmungen, die Schädlichkeit von sexualisierter Gewalt gegen Kinder öffentlich in Frage zu stellen.

Da gerade diese Tätergruppe ihr eigenes Sexualverhalten eher positiv sieht und sich vehement weigert, die Gewalt und die Kriminalität, die in ihren Taten ebenso enthalten ist, anzuerkennen, zeichnet sie sich durch eine hohe Aktivität und fehlendes Schuldbewusstsein aus. Der häufige Wechsel ihrer Opfer, stellen Heiliger/Engelfried (4) fest, führe zum Teil zu „unglaublichen Fallzahlen“. Dies bestätigt die Kriminalpsychologin Anna Salter (3): „Der durchschnittliche pädophile Triebtäter missbraucht fünfzig bis hundertfünfzig Kinder, bevor er verhaftet wird (und danach noch viele andere)“. Und zwar Mädchen und Jungen. Pädosexuelle verbergen sich laut Heiliger/Engelfried (4) bevorzugt hinter angesehenen beruflichen und sozialen Positionen. Entsprechend hoch ist ihr Einfluss auf die öffentliche Darstellung und den gesellschaftlichen Umgang mit sexualisierter Gewalt gegen Kinder.

Es geht hauptsächlich um Macht

Der weitaus überwiegende Teil (80 – 98 Prozent) derer, die Mädchen und Jungen sexualisierte Gewalt antun, sind jedoch nicht „pädophil“. Sie sind nicht primär auf Kinder als Sexualpartner fixiert und ihre Motivation ist auch nicht in erster Linie eine sexuelle. Die Motivation dieses Großteils der Täter ist das Bedürfnis nach Macht, bzw. Kompensation:

„Mehr als 95 Prozent der „Missbraucher“ sind „normal veranlagt“. Sie sind psychosexuell nicht auf Kinder fixiert und auch nicht an einer Beziehung mit ihnen interessiert, sondern nutzen bestehende Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse aus beziehungsweise weichen in Krisen der Männlichkeit auf Kinder aus.“ (5)

„Immer geht es um Macht und Machtmissbrauch. Um den Wunsch, die eigene Feigheit und Ohnmacht hinter dem Gefühl der Herrschaft über einen anderen Menschen zu verstecken und sich selbst zu beweisen, wie stark man doch ist.“ (1)

„Es ist inzwischen schon fast eine Binsenweisheit, dass Vergewaltigung weniger mit Sex zu tun hat als vielmehr mit Wut und Macht. Und Vergewaltigung ist eindeutig ein Versuch, Macht über ein anderes Individuum auszuüben, auch wenn der Impuls dazu oft aus einem akuten Gefühl der Machtlosigkeit heraus entsteht.“ (6)

„Sexueller Missbrauch, sexualisierte Gewalt ist Sexualverhalten im Dienste nicht-sexueller Bedürfnisse, Mittel für eine Vielzahl von Zwecken. In der Beziehung zum Opfer werden vielmehr Probleme und Phantasien, unerfüllte Wünsche und ungelöste Konflikte ausgedrückt.“ (7)

„Die meisten Täter haben oft ein Identitäts- und Durchsetzungsproblem mit ihrer Männlichkeit.“ (8)

„Nicht immer haben [solche] Handlungen ihren Ursprung in einer so genannten kernpädophilen Orientierung, oft verbergen sich dahinter unbefriedigte Machtbedürfnisse oder erhebliche Probleme im Selbstwert.“ (9)

Auffällig ist nach Meinung einiger Expert/innen bei vielen männlichen Tätern eine ausgeprägte sexistische Grundhaltung und ein Anspruch auf Höherwertigkeit bzw. Vormachtstellung von Männern gegenüber Frauen. Das eigene Geschlecht wird zu einem zentralen Identitätsfaktor, der gleichzeitig mit einem Mehr an Rechten und Macht erlebt wird. Sexualität ist für diese Täter das Instrument, mit dem sie sich ihrer Identität versichern, bzw. ihre vermeintlichen Rechte demonstrieren und durchsetzen. Die früh einsetzende und gesellschaftlich geförderte Sexualisierung von Bedürfnissen bei Jungen und Männern, so Heiliger/Engelfried (4), gekoppelt mit der Gleichsetzung von Männlichkeit und Sexualitätsausübung, mache den sexuellen Übergriff zum „effektivsten Instrument, sich männlich = überlegen zu fühlen“. Täter sexualisierten Macht: ihr „Bedürfnis nach und die Gelegenheit zur Machtausübung verbindet sich mit sexueller Erregung“.

„Die Verkoppelung von Macht, Sexualität, Gewalt und Brutalität ist nach wie vor ein völlig blinder Fleck in den Theorien männlicher Sexualität“, konstatiert auch Olbricht (10). Die sexualisierte Attraktivität von Macht und die sexuelle Anregung durch Gewalt und Folter sei nach wie vor weder in der Sexualtherapie von Männern noch gar in der Tätertherapie ein wirksames Thema.

Täter haben kein Unrechtsbewusstsein

Gerade vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum so viele dieser Straftäter selten Schuldgefühle haben und wenig Reue zeigen. „Ein blutschänderischer Vater“, schreibt Trube-Becker (2), „ist nicht selten überrascht, wenn er erfährt, dass sein Verhalten strafbar sei; denn er glaubt, sexueller Zugang zu seinen Kindern sei sein gutes Recht.“ Echte Reue oder Scham sei bei denen, die strafrechtlich zur Verantwortung gezogen würden, „uncharakteristisch“.

Jäckel (1) beschreibt, dass diese Täter „auf Befragen in ihrer Selbstdarstellung meist frei von Schuld“ seien. Sie „verdrängen die Tat entweder ganz aus ihrem Bewusstsein und der Erinnerung, oder sie nehmen diese von vorneherein nicht als Unrecht gegenüber dem Kind wahr“. Sie seien selten bereit, für das, was sie getan haben, bewusst Verantwortung zu übernehmen. Meist stellten sie die sexualisierte Gewalt so dar, als „habe das Kind den Täter zu der Handlung verführt, diese gewünscht, herbeigeführt und als schön genossen“. In fast allen Fällen stellten die Täter sich selbst als die wahren Opfer dar.

„Der Sexualstraftäter verdrängt, dass er ein Krimineller ist“, so die Kriminalpsychologin Anna Salter (2). „Viele von ihnen glauben, ein Recht darauf zu haben, sich zu nehmen, was sie begehren, und scheren sich schlicht keinen Deut darum, welchen Preis die anderen dafür bezahlen müssen.“

„Allgemein verbreitet ist mittlerweile die Auffassung, dass sexuelle Missbraucher nicht therapiefähig sind, da eine erfolgreiche Therapie Einsicht, subjektiven Leidensdruck und Eigenmotivation des Klienten zu seiner Veränderung erfordert, was beim sexuellen Missbraucher in aller Regel nicht der Fall ist“, so Heiliger/Engelfried (4). Sie nennen das Leugnen der Taten bei den Sexualstraftätern „extrem charakteristisch“.

„Selten gesteht ein Mann, der entdeckt wird, die von ihm ausgeübte sexuelle Gewalt an der Tochter. Die meisten stellen vielmehr das Mädchen als Lügnerin dar und setzen sie damit quälenden Befragungen und Unterstellungen aus. Sie lehnen jegliche Verantwortung ab für das, was sie getan haben, und bestehen darauf, dass sie selbst Opfer sind. Schuld sind die sexuellen Provokationen der Tochter oder die Frigidität der Ehefrau“, so Kavemann/Lohstöter (11).

„[Sexuelle] Gewalttäter sind in der Regel nicht zur Therapie motiviert. Selten besteht Leidensdruck in Bezug auf die Gewalttat, lediglich in Bezug auf den Freiheitsentzug. Erschwerend ist weiterhin, dass meist wenig Unrechtsbewusstsein und wenig Scham- und Schuldgefühle bestehen, ebenso wie der bekannte Mangel an Verantwortungsbereitschaft, Empathie und Einsicht“, so Olbricht (10).

Wer also wirksam Kinder vor sexualisierter Gewalt schützen und die Täter identifizieren will, muss sich zuallererst von seinen falschen Vorstellungen und den gesellschaftlichen Mythen über diese Straftäter befreien. Bei sexualisierter Gewalt gegen Kinder geht es seltener als die meisten glauben um Sexualität und dafür sehr viel häufiger um Macht und „Männlichkeit“. Sexualstraftäter (gegen Kinder) leben mehrheitlich im nahen Umfeld von Kindern und sind sehr geschickt darin, „normal“ zu wirken und andere zu täuschen. Der Großteil dieser Täter findet überhaupt nichts Schlimmes daran, seine Macht zu missbrauchen, im Gegenteil, die meisten glauben, ein Recht darauf zu haben und kennen entsprechend keine Reue. Daher ist ein ebenso großer Teil dieser Tätergruppe weder bereit, seine Straftaten zuzugeben, noch sich in Therapie zu begeben. Das Interesse dieser Täter gilt einzig und allein sich selbst und den eigenen Bedürfnissen nach Kompensation, Macht, Gewalt, Erregung, Vorteilnahme, Geld, etc. Ihre offenbar vorhandene Intelligenz nutzen sie zur Durchsetzung und Begründung ihrer egozentrischen Interessen ebenso geschickt wie zur Manipulation und Täuschung ihrer Umwelt. Das Kind ist ihnen völlig egal. Die Asozialität der Täter ist ein identifizierendes Merkmal. Sie zeigt sich allerdings nicht in fettigen Haaren und schmuddeligem Äußeren, sondern sehr viel häufiger in der Zugehörigkeit zum männlichen Geschlecht. Deshalb fällt sie auch nicht auf. Wer also wirksam Kinder vor sexualisierter Gewalt schützen will, muss beginnen, die „Normalität“ von Macht und Machtmissbrauch in unserer Gesellschaft in Frage zu stellen. Er oder sie muss bereit sein, die Raffinesse der Täter vorauszusetzen und sie als Sexualstraftäter zu erkennen – egal, wie „normal“ oder „nett“ sie auch scheinen mögen.

Quellen:

  1. Karin Jäckel, „Wer sind die Täter?“, dtv 1996
  2. Elisabeth Trube-Becker, „Mißbrauchte Kinder“, Kriminalistik Verlag 1992
  3. Anna Salter, „Dunkle Triebe“, Goldmann 2006
  4. Anita Heiliger, Constance Engelfried, „Sexuelle Gewalt“, Campus 1995
  5. Sophinette Becker, leitende Psychologin der Sexualmedizinischen Ambulanz der Goethe-Universität Frankfurt (in WELT online, 16.03.2010)
  6. Ray Wyre, Anthony Swift, „Die Täter“, Volksblatt Verlag 1991
  7. Adolf Gallwitz, Manfred Paulus, „Grünkram“, Verlag deutsche Polizeiliteratur 1998
  8. Markus G. Feil, Psychotherapeut und Leiter der Psychotherapeutischen Fachambulanz des Evangelischen Hilfswerks München (in WELT online, 30.04.2010)
  9. Dr. Heidi Kastner, Vorstand der Psychiatrischen Abteilung mit Schwerpunkt Forensik an der Landesnervenklinik Wagner-Jauregg in Linz. (Quelle: „State oft he art der Therapie sexueller Funktionsstörungen“, Symposium im Rahmen der 6. Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Gmunden, 24.04.2008; www.clinicum.at)
  10. Ingrid Olbricht, „Wege aus der Angst“, C.H. Beck 2004
  11. Barbara Kavemann, Ingrid Lohstöter, „Väter als Täter“ Rowohlt 1984

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